Ökonomen gründen Professoren-Parlament
Nachrichten — By Daniel Florian on 9. July 2010 10:05 amDie Wirtschaftswissenschaftler schlagen zurück: in einem Gründungsaufruf fordern ca. 30 Wirtschaftswissenschaftler die Gründung eines “Plenums der Ökonomen”. Denn, so die Unterzeichner des Aufrufs, der Volkswirtschaftslehre sei es während der Krise nicht gelungen, sich genügend Gehör zu verschaffen:
uns eint das Wissen, dass die als Notlage empfundene Situation der letzten Wochen nur entstehen konnte, weil seit längerer Zeit deutlich sichtbare Warnsignale von den politischen Entscheidungsträgern nicht angemessen gewürdigt wurden. Uns eint die Sorge, dass Entscheidungsträger vom Gang der Ereignisse getrieben wurden und nicht ausreichend Gelegenheit hatten, die weitreichenden Konsequenzen ihrer Beschlüsse zu durchdenken.
Das Plenum der Ökonomen soll nicht weniger als eine “elektronische Vollversammlung” aller deutschen VWL-Hochschullehrer sein, das sich “ausschließlich zu volkswirtschaftlichen Ausnahmesituationen von herausragender nationaler Bedeutung” äußert. Einziges Ziel des Plenums sei es, die “Öffentlichkeit und die demokratisch legitimierten Institutionen unseres Staates rechtzeitig und fundiert über die Einschätzung der diesem Staat dienenden Wissenschaftler zu informieren.”
Man muss skeptisch sein, ob das Plenums seine selbstgesteckten Ziele tatsächlich erreichen kann. “Frage zwei Ökonomen, und du bekommst drei Antworten”, weiß ein beliebtest Bonmot, und warum sollten sich die Gelehrten ausgerechnte in einer “volkswirtschaftlichen Ausnahmesituation” einig sein?
In den USA zeigt die hitzige Debatte zwischen dem Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson und dem Nobelpreisträger Paul Krugman über die Fragen, ob die US-Regierung mehr Geld in die Wirtschaft pumpen oder eine striktere Haushaltsdisziplin wahren soll, wie kontrovers die Meinungen der Experten sind. Und eine Einigung ist nicht in Sicht: bereits im August letzten Jahres habe ich über den Streit der beiden berichtet.
Es ist auch falsch zu glauben, dass Volkswirtschaft – trotz der vielen Mathematik, die inzwischen zum Fach dazugehört – eine exakte Wissenschaft sei. Die Wirtschaftswissenschaften gehören zu den Sozialwissenschaften und basieren auf normativen Annahmen wie der Frage, welche Anreize einen Menschen zum Sparen oder zum Konsumieren bringen.
Auch Olaf Storbeck, selber Ökonom und Redakteur beim Handelsblatt, sieht die Initiative kritisch und schreibt in seinem Blog: “There is no such thing as an eternal truth in economics. The current crisis has revealed that important parts of mainstream economics were on a wrong track for decades. Hence what we need is a more pluralistic discussion in economics, not a central clearing house for the mainstream view.”
Ein Parlament lebt eben von der Diskussion, die dort ausgetragen wird, nicht so sehr von der Entscheidung, die am Ende getroffen wird.
Foto: Laura Norman, Bundestag, Lizenz: CC BY-SA 2.0


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