Wirtschaftswissenschaften erfinden sich neu

Nachrichten — By on 29. June 2010 20:49 pm

Die Wirtschaftswissenschaften sind durch die weltweite Finanzkrise in die Defensive geraten und suchen nach neuen wissenschaftlichen Ansätzen, um die Prognosefähigkeit ihres Fachs zu verbessern und der Ökonomie dadurch wieder eine Stimme in der aktuellen politischen Debatte zu erhalten.

In einer von der Financial Times Deutschland und dem Verein für Socialpolitik durchgeführten Umfrage unter mehr als 1.100 Ökonomen behaupten immerhin 42% der Befragten, die Ökonomie befinde sich in einer Legitimitätskrise. Die Umfrage zeigt jedoch auch, dass sich die Zunft in einem handfesten Dogmenstreit befindet: während knapp 50% der Wirtschaftswissenschaftler die Politik für die Krise verantwortlich macht, sehen etwas mehr als die Hälfte ein Marktversagen als Ursache der Krise.

Immerhin: die Mehrzahl der Wissenschaftler finden, dass das vereinfachende Modell des homo oeconomicus nicht zeitgemäß ist und glauben, dass sich die Wirtschaftswissenschaften stärker benachbarten Disziplinen wie der Psychologie und Soziologie öffnen sollten. Und im Gegensatz zur Umfrage von vor vier Jahren finden Ökonomen zunehmend, dass es wichtig sei, die aktuelle Wirtschaftslage zu kennen – also auch bei aktuellen Fragen mitreden zu können.

Da passt es nicht, dass ein Ökonom der Federal Reserve Bank in Richmond kürzlich in einem Paper schrieb, dass Wirtschaftsblogger “nichts interessantes über Wirtschaftspolitik zu sagen haben”. Im Gegenteil, findet der Medienberater Thomas Knüwer: die Wirtschaftswissenschaft “muss raus aus ihrem Elfenbeinturm und rein in Blogs und Social Media. Muss erklären, wie sie die Welt sieht – und diskutieren mit jenen, die es anders sehen.”

Beispiele gibt es bereits: in den vergangenen Monaten schaffte es der Studienabbrecher und Sprachlehrer Edward Hugh zu weltweiter Bekanntheit, weil er auf seinem – hobbymäßig betriebenen – Wirtschaftsblog bereits frühzeitig die Eurokrise vorhersagte. Heute hat der “Chief Facebook Economist”, wie sich Hugh auf seiner Facebook-Seite nennt, nicht nur fast 5.000 “Fans” auf Facebook, sondern wird auch von renommierten Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen interviewt.

Es tut sich also was in den Wirtschaftswissenschaften. Dazu passt auch ein weiteres Ergebnis der FTD-Umfrage: demnach erklären mehr als 70% der Wissenschaftler, sie würden auch in die Beratung gehen – es sieht aus, als würden sich die wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabriken in naher Zukunft also nicht um mangelnden Nachwuchs sorgen müssen.

Die kompletten Ergebnisse der Umfrage finden Sie im “Chefökonom”-Blog der Financial Times Deutschland.

Foto: Eric Wüstenagen, Superbokehtheorie, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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