Wir brauchen keine Partei-Wissenschaft

Eigene Veröffentlichungen, Politikberatung — By on 9. May 2010 14:44 pm

Mehr “parteiische Wissenschaft” forderte der Berliner Wirtschaftswissenschaftler und DIW-Abteilungsleiter Gert G. Wagner in der Zeitschrift Berliner Republik (1/2010). Weil die in Deutschland vorherrschende wissenschaftliche Politikberatung überwiegend öffentlich finanziert ist, gebe es einen Widerspruch zwischen dem, was die Politik von Beratung erwartet und dem, was Wissenschaft leisten kann:

In der Praxis funktioniert das aber allzu oft nicht: Die Politik gibt keine klaren Ziele vor und vermeintlich wertneutrale Wissenschaftler werben – mehr oder weniger offen – für Ziele, die sie persönlich für wichtig halten. Dadurch fühlt die Politik sich oft schlecht beraten, und Wissenschaftler fühlen sich nicht ernst genommen.

Eine “parteiische Wissenschaft” kann dieses Dilemma jedoch nicht überwinden, so meine Antwort auf Wagner in der aktuellen Ausgabe der Berliner Republik (2/2010). Im Gegenteil: weltanschaulich geprägte Wissenschaft kann nicht mit dem akademischen Grundsatz vereint werden, vermeintliche Gewissheiten stets zu hinterfragen. Und sie riskiert die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft generell. In dem Artikel beschreibe ich außerdem, wie die Parteistiftungen ihren Einfluss im politischen und akademische Diskurs erhöhen und damit die Lücke zwischen “policy advice” und “political consulting” schließen können.

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6 Comments

  1. Sorry – aber den parteinahen Stiftungen möchte ich schlichtweg die Kompetenz absprechen, allein schon weil ihre Personalauswahl nicht vorwiegend fachliche Qualifikationen folgt, sonder parteiinternen Opportunitäten, schlimmsten Falls auch immer wieder mal als Parkplatz zum Ruhigstellen oder Abschieben von unliebsamen Parteifreunden. Nur wenn im von Norbert Lammer geäußerten Sinne die Strukturen der Parteien aufgebrochen werden können – Machtstrukturen!!! – dann ist hier Besserung in Sicht. So – leider kaum.

  2. Abgesehen davon – wage ich die, wohl nicht so neuartige Erkennits, daß Wissenschaft nie wertneurtral ist, sondern immer die weltanschaulichen Grundlagen des Wissenschaftlers mitschwingen. Und mich stört das auch nicht, solange ich weiß, wo der Mann oder Frau bzw. der think tank steht. Allein die mit Verve vorgetragenen scharfe Kritik der Evolutionstheoretiker in der Debatte um "Intelligent Design" zeigte überdeutlich, daß beide Seiten ab einem Gewissen Punkte über nicht weiter hinterfragbare Glaubensgrundsätze reden. Die hauptsächliche Problematik der think tanks in Deutschland ist m.E., daß sie vielfach keine gemeinsame Sprache mit der Politik finden, viele Papiere einfach immer noch für den Gebrauch im politischen Alltag untauglich sind. Die SWP ist da besser geworden. Aber allein was bei Anhörungen im Bundestag für Papierberge von Wissenschaftlern angeschleppt werden, die kein Mensch lesen kann, spricht für sich. Wer seine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse in die Sprache des politischen Alltags in der gebotenen Kürze, mit Mut zur Zuspitzung zwecks Begründung einer Entscheidung übersetzten kann, der hat auch die Chance auf Gehör.

  3. Es stimmt schon: derzeit sind die Parteistiftungen noch nicht so schlagkräftig, wie es die Budgets vermuten ließen, was u. a. an den von Dir genannten Punkten liegt. Aber gerade deswegen sollten die Parteien hier ansetzen, anstatt dass ständig neue Institute gegründet werden.

    Was die Wertneutraliät angeht, stimme ich Dir nur halb zu. Wissenschaft bedeutet ja, die eigenen Ergebnisse auch für andere Akademiker nachvollziehbar zu machen und das bedingt eine gewisse Neutralität. Wer nur die Parteischeuklappen aufhat, der ist vermutlich auch kein guter Berater, das zeigen zum Beispiel die Studien von Philip Tetlock.

  4. Den Vorschlag mit den parteinahen Stiftungen finde ich gut – aber die werden das leider nicht machen wollen. Übrigens ist allein der Begriff "parteiische Wissenschaft" bereits denkbar ungünstig gewählt. Nichtsdestotrotz bleibt die Politikferne vieler als Berater in Frage kommender Wissenschaftler ein Problem. Es gibt bei der Politikberatung keine Neutralität in dem Maße, wie sie die Wissenschaft voraussetzt – genausowenig dürfen sich die wissenschaftlichen Berater einfach in eine politische Agenda („Wie können wir die nächste Wahl gewinnen?“) einspannen lassen. Dafür gibt es ja einen eigenen Consulting-Bereich. Was in Deutschland fehlt, ist auch die mangelnde soziale Mobilität, d.h. eine größere personelle Fluktuation zwischen Beratungseinrichtungen und dem Regierungs- bzw. Verwaltungsapparat.

    • Stimme Dir voll zu! Bei letzterem – der beruflichen Mobilität zwischen Wissenschaft bzw. Politikberatung und Verwaltung (aber auch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft) gibt es allerdings Bewegung: das AA z. B. sendet immer wieder auch Leute in die SWP. Allerdings gibt es hier ein Akzeptanzproblem, weil – zumindest wenn es um Wirtschaftsvertreter geht – sofort vermuted wird, hier würden Lobbyinteressen in die Verwaltung eingeschleust.

  5. fisch says:

    Man sollte aber auch nicht so tun, als gaebe es eine voraussetzungslose unabhaengige Wissenschaft. Im der Regel sinds irgendwelche Modelle, die regieren, oder es gibt irgendwelche mehr oder weniger wohlbekannten Vorurteile, ohne sowas geht es garnicht. Man kann nicht jeden Tag wieder mit Adam und Eva anfangen.

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