Neue Wege in der Weltwirtschaft

Ausland — By on 20. April 2010 7:55 am

Auf der großangelegten Gründungskonferenz am King’s College der Universität Cambridge zeigte das von George Soros mit 50 Millionen US-Dollar gesponserte Institute for New Economic Thinking (INET), wie es althergebrachte Denkansätze in der Volkswirtschaftslehre  hinterfragen und neue Ideen forcieren will (der Think Tank Alert berichtete). Die Konferenz stand unter dem Motto “The Economic Crisis and the Crisis in Economics” und auch ich hatte glücklicherweise die Möglichkeit, an diesem Zusammentreffen namhafter Ökonomen (darunter drei Nobelpreisträger) teilzunehmen.

[aartikel]0691142165:right[/aartikel] Als ich am 8. April Nachmittags ankam, hatte ich zuerst noch die Gelegenheit, die wunderschöne Universität in Cambridge zu besichtigen und mich in meinem Apartment einzurichten. Die Auftaktveranstaltung, auf der Harvard-Professor Kenneth S. Rogoff sein aktuelles Buch über die Finanzkrisen der letzten 800 Jahre vorstellte, gab den Rahmen für die Konferenz vor.

Beim geselligen Empfang am Donnerstagabend ergab sich erstmals die Möglichkeit, die Teilnehmer der Konferenz nach ihren Erwartungen an die Veranstaltung zu befragen. Die Antworten hätten verschiedener nicht sein können: manche glaubten, es werde sich nichts ändern, andere wiederum hofften auf eine komplette “Revolution” – wie diejenige, die der ebenfalls am King’s College tätige Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes anstieß. Beim anschließenden Abendessen wurden dann vor allem über jene zwei Ökonomen diskutiert, die sich ausführlich mit der Weltwirtschaftskrise 1929/30 befassten: der bereits erwähnte Keynes und Friedrich August von Hayek. Man konnte vermuten, dass Keynes’ Theorien hochgejubelt und Hayeks Behauptungen als überholt gelten, jedoch waren mit Lord Skildesky und Bruce Caldwell zwei wirkliche Kenner auf dem Podium, so dass beide Krisentheorien sachlich und objektiv behandelt wurden.

Bereits am Morgen des nächsten Tages wurden die Ursachen der aktuellen Krise erörtert, wobei zum Beispiel Soros mit seiner Theorie der “Reflexivität” den Ursprung der Krise vor etwa 30 Jahren sieht. Auf der zweiten Session am Vormittag wurde die “effiziente Markthypothese” diskutiert und dabei insbesondere die Frage, ob diese zur Krise geführt habe oder ob sie durch die Krise als falsifiziert angesehen werden könne. Teil dieser Diskussion war unter anderem der Nobelpreisträger George A. Akerlof (der mir dann am Samstag sein Buch signierte). Akerlof zufolge sei die Hypothese falsch, denn die Teilnehmer der Märkte würden durch “animal spirits” getrieben. Dessen ungeachtet waren auch andere Meinungen am Podium vertreten. So stellten Roman Frydman und Michael D. Goldberg ihre neue Theorie der “imperfect knowledge economics” vor. Jeremy J. Siegel meinte hingegen, dass die Theorie der effizienten Märkte keinesfalls Schuld an der Krise haben könne.

Am Freitagnachmittag ging es dann darum, welche Lehren man aus der Krise ziehen kann oder muss und welche Änderungen daher nötig sind. Auch hier kamen wieder einige hochkarätige Ökonomen zu Wort. Am imponierendsten war aber sicher der Vortag von Joseph E. Stiglitz, der mit Kritik an den aktuellen Methoden und Modellen nicht sparte und besonders die Annahmen von rationalen Marktteilnehmern und homogenen Personen kritisierte. Er zeigte einige Ansatzpunkte für Veränderungen auf, um in Zukunft ein besseres Verständnis der Wirtschaft zu erlangen.

Am Samstag wurde es dann vor allem Vormittags sehr technisch, denn es ging um die statistischen und mathematischen Methoden und inwiefern diese angepasst werden müssen. Spannend wurde es wieder bei der Mittagsansprache von Dominique Strauss-Kahn, dem Direktor des Internationalen Währungsfonds. Obwohl einige Studenten gegen den IWF protesierten und versuchten, den Vortrag zu stören, reagierte Strauss-Kahn gelassen und verwies auf die wichtige Rolle, die der IWF in einer globalisierten Welt spielt. Am Nachmittag wurde dann noch über Ungleichheiten, Einkommensverteilungen und0 über die Aufgaben der Regierungen diskutiert. Auch hier kamen natürlich verschiedene Meinungen zu Tage. Abgeschlossen wurde der Tag mit einem sichtlich gerührten Rob Johnson (@rjocean), der dem Institut vor steht.

Insgesamt stellte sich die Gründungskonferenz des INET als ein äußst interessantes Treffen mit vielen verschiedenen Meinungen dar und es wurde auch aufgezeigt, dass den Ökonomen noch ein breites Forschungsfeld offensteht. Inwiefern das INET einen Einfluss auf den Mainstream der Wirtschaftswissenschaftler haben wird, muss die Zukunft zeigen. Da jedoch eine Reihe renommierter Ökonomen mit dem Institut zusammenarbeiten und auch bereits eine Kooperation des Instituts mit der Universität Oxford eingegangen wurde, werden längerfristig sicher Änderungen zu bemerken sein.

Kontakt zum Autor: @gabrielziegler

Foto: Woodley Wonderworks, Roads and Railways Series #3, Lizenz: CC BY 2.0

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