Wer finanziert Brüsseler Think Tanks?

Europa — Von Daniel Florian am January 26, 2010 um 14:47 pm

Brüssel entwickelt sich immer mehr zu einem wichtigen politischen Parkett für europäische Think Tanks. Weil es unterschiedliche nationalstaatliche Traditionen über die Rolle von Think Tanks gibt, die in Brüssel aufeinander treffen, muss sich erst noch erweisen, welchen Charakter die Brüsseler Think-Tank-Szene letztendlich haben wird.

Einen zentralen Punkt nennt Pavol Demeš, Direktor des slowkaischen Büros des German Marshall Fund, in einem Artikel über europäische Think Tanks: die Finanzierung.

A particular challenge for the image and financial viability of think tanks in a period of global financial and economic crisis is to maintain their independent, non-profit character, distinct from various pseudo-think tanks, consultancies and lobby groups, which sometimes imitate and/or create think tank-like entities which can become competitors for prestige and funds.

Auch der Think Tank Alert hat schon mehrmals über diese Problematik berichtet. Es scheint, dass sich in Brüssel eine eher privat finanzierte Think-Tank-Landschaft durchsetzt – mit der Folge, dass die Denkfabriken sich eher als Teil von sogenannten Advocacy-Koalitionen sehen, die sich zusammen mit Unternehmen, Verbänden und Aktivisten für bestimmte Politikziele – Freihandel, laxere Klimaschutzregeln etc. – einsetzen.

Für Prabhu Guptara , Executive Director der UBS-Tochter Wolfsberg, ist nicht nur die Herkunft des Kapitals, sondern auch die Art der Finanzierung für diesen Trend mitverantwortlich: Je mehr die Denkfabriken gezwungen seien, projektbezogene Finanzierungen zu sichern, desto stärker orientierten sie sich an “advokatischen” Think Tanks, so Guptara in einem 2008 erschienenen Artikel.

Die Kritik an der Intransparenz europäischer Think Tanks ist nicht nur ein Schönheitsfehler: einzelne “schwarze Schafe” der Think-Tank-Landschaft, die einseitig die Interessen ihrer Geldgeber vertreten – gut getarnt mit dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit – führen zu einem Vertrauensverlust von Think Tanks allgemein. In den USA zeigen sich bereits erste Folgen dieser Entwicklung: laut dem Media-Watchdog Fairness & Accuracy in Reporting (FAIR) ist die Zitation von Think Tanks in den Medien 2007 um 17 Prozent zurückgegangen – und das bereits im dritten Jahr in Folge.

Die Europäische Kommission sollte zwei Schlussfolgerungen aus diesen Beobachtungen ziehen: erstens sollte sie von Think Tanks, die Zugang zur Kommission suchen, eine komplette Offenlegung ihrer Finanzierung verlangen, um frühzeitig über mögliche Interessenkonflikte im Bilde zu sein. Zweitens sollte die EU selber Think Tanks fördern, wie dies zum Beispiel auch in Deutschland passiert. Dies kann entweder durch die Gründung originär europäischer Denkfabriken erfolgen oder durch die projektbezogene Unterstützung einzelner europäischer Think Tanks.

Foto: viZZZual.com, Cash Money, Lizenz: CC BY 2.0

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