Tibet: Peking sieht Naumann-Stiftung hinter Protesten

Ausland — Von Daniel Florian am April 14, 2008 um 19:45 pm

Peking wirft der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung vor, federführend hinter den weltweiten anti-chinesischen Protesten zu stehen, berichtet die Onlineausgabe der Welt:

„Deutsche Stiftung steht nach Berichten hinter den antichinesischen Protesten“ überschrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua gestern ihre Attacke. (…) Die Anprangerung der Naumann-Stiftung, die wegen ihrer Unterstützung des Dalai Lama und ihrer Bonner Tibetkonferenz seit 1996 ihr Pekinger Büro schließen musste, schürten im chinesischen Internet erneut zornige Beschuldigungen des Auslands.

Diese Einschätzung beruft sich freilich nur auf die Internetseite german-foreign-policy.com, hinter der nach eigener Aussage eine Gruppe “unabhängiger” Publizisten und Wissenschaftler steht,

die das Wiedererstarken deutscher Großmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten. german-foreign-policy.com erscheint mehrsprachig, um die kritische Berichterstattung über hegemoniale Taktiken und Strategien des vereinigten Deutschland einem internationalen Leserkreis zu eröffnen.

Offensichtlich also keine besonders glaubwürdige Quelle. Dennoch: China scheint entschlosse, zum Gegenangriff überzugehen. Dass ausländische Regierungen NGOs nutzen, um nichtdemokratische Regime zu stürzen, ist dabei eine übliche Taktik – und nicht immer aus der Luft gegriffen. Es gilt als offenes Geheimnis, das amerikanische Stiftungen der Opposition in der Ukraine bei der Durchführung der “Orangenen Revolution” geholfen haben.

Update: Die Print-Ausgabe der Welt veröffentlichte heute außerdem ein Interview mit Otto Graf Lambsdorff, der bis 2006 Vorstandsvorsitzender der Stiftung war. Lambsdorff bestätigt darin, dass die Naumann-Stiftung die “International Conference of Tibet Support Groups” unterstütze, betont allerdings auch, dass die Stiftung die vom Dalai Lama propagierte “Ein-China-Politik” mitträgt.

Auf ihrer Webseite wies die Stiftung die chinesischen Anschuldigungen klar zurück und bekräftigt: “Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit bleibt bei ihrer Tibet-Politik. Das hat das Kuratorium der Stiftung unter der Leitung seines Vorsitzenden Jürgen Morlok einmütig beschlossen.” Einen Boykott der Olympischen Spiele lehne die Stiftung jedoch ab. (14. April 2008)

    4 Comments

  • test says:

    warum ist das bitte “keine besonders glaubwürdige Quelle” ?? Weil sie sich der aktuellen, gesteuerten Kampagne widersetzt? Weil sie über Hintergründe informiert, die in den etablierten Medien nicht vorkommen dürfen? Weil sie ins Bewusstsein ruft, dass die Unruhen in Tibet “mit mörderischen pogromartigen Überfällen tibetischer Banden auf nicht-tibetische Bevölkerungsteile, darunter die muslimische Minderheit Chinas” begannen??

    Was mich betrifft, halte ich diese Quelle für glaubwürdig.

  • Die Webseite halte ich aus den genannten Gründen für “keine besonders glaubwürdige Quelle”: wer von sich behauptet, er wolle das “deutsche Großmachtstreben” kommentieren, wird wohl kaum zu einer sachlichen Analyse deutscher Außenpolitik kommen – das Ergebnis ist damit ja schon festgeschrieben. Deswegen, und nicht wegen einer bestimmten politischen Linie hinsichtlich der Tibet-Frage halte ich die Seite für nicht glaubwürdig.

  • blogsgesang says:

    Über Details möchte ich nicht streiten, aber zutreffend ist, dass fast die gesamte Medienberichterstattung sehr einseitig ist und gern weg lässt, was ihr nicht passt. Über tibetische Gewalt, auch gegen völlig unschuldige Sportler, ist nur schwer etwas zu finden. Wer dann eine (!) Gegenposition sofort als Machwerk der Chinesen unterstellt, will keine differenzierte Sicht, sondern schwimmt im Mainstream. Mehr.

    http://www.blogsgesang.de/2008/04/15/warum-faehrt-ministerin-schavan-ins-schurkische-china/

  • Anlässlich des Besuchs des Dalai Lama in Deutschland schreibt Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung einen interessanten Leitartikel über die tibetische Autonomiebewegung:

    “Die Unterstützungsbewegung hat derartige Ausmaße angenommen, dass sie sich kritische Fragen gefallen lassen muss.. (…) Gar nicht hilfreich ist es schließlich, dass sie sich finanzieren lässt von allen möglichen demokratiefördernden Instituten in den USA und Europa, darunter auch die deutsche Böll- und Naumann-Stiftung. Vielen der amerikanischen Geldgeber zumindest geht es nicht nur um Demokratie, sondern auch ein Stück weit um die Destabilisierung des globalen Rivalen China.”

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