Davos, TED und die globale Verbreitung von Ideen
Vor allen Dingen amerikanische Ökonomen wie Richard Florida haben in den vergangenen Jahren eindringlich auf die Bedeutung von Kreativität und Netzwerken für die postmoderne Wirtschaft hingewiesen. In seinem Buch “The Rise of the Creative Class” beschreibt Florida, wie Städte und Regionen von der “Kreativwirtschaft” profitieren können. Im Juli 2006 stellte er seine Thesen im SPD-Magazin perspektive 21 vor (Richard Florida, Irene Tinagli (2006): Technologie, Talente, Toleranz. PDF). Auch Shona Brown, Senior Vice President für Businsess Operations bei Google und Autorin des Bestsellers “Competing on the Edge”
(zusammen mit Kathleen Eisenhardt) verfolgt dieselbe Philosophie in eben diesem Buch, in dem die Autorinnen argumentieren, dass erfolgreiche Unternehmen mit der richtigen Balance aus Unordung und Planung auch langfristig kreativ und damit Wettbewerbsfähig bleiben können.
Kann man diese Philosophie auch auf die Wissenschaft übertragen? Einerseits hat sich die “academic community” immer schon als globales Netzwerk verstanden, andererseits fällt auf, dass wissenschaftliche Politikberatung immer noch vor allen Dingen national orientiert ist. Durch neue Informations- und Komunikationstechnologien erweitert sich der globale Kommunikationsraum sogar noch weiter. Think Tanks profitieren davon jedoch bislang kaum.
Anders sieht es in der Wirtschaft aus: das jährlich in Davos stattfindende Weltwirtschaftsforum wird beinahe komplett im Internet übertragen (wenn auch nicht live). Auch die TED-Konferenz (TED steht für Technology, Entertainment, Design) ist seit einem Jahr auch online zu besuchen. Die Idee von TED bescheibt der Tagesspiegel so:
Man nehme die klügsten Köpfe der Welt, lade sie ein und bitte sie, binnen 18 Minuten das zu sagen, was sie schon immer mal sagen wollten. Herauskommen soll: der Vortrag ihres Lebens. 18 Minuten Lebensweisheit pur (Im Netz der Denker, Der Tagesspiegel vom 16. Januar 2008, S. 23).
Heraus kommen dabei in der Tat informative und witzige Vorträge wie der des schwedischen Gesundheitsexperten Hans Rosling, der dank einer ausgeklügelten Software den “conventional wisdom” globaler Entwicklungsexperten auf den Kopf stellt. Aber sehen Sie selbst.
Auch Universitäte entdecken zunehmend das Internet für die Vermarktung ihrer Kurse. Die Vorlesungen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sind sogar bereits über iTunes erreichbar, schreibt der Tagesspiegel. Der globale Konferenz-Marathon mag in Zukunft zunehmend online stattfinden. Das hat durchaus Vorteile, auch für Denkfabriken: komplexe Themen können durch eine multimediale Aufbereitung leichter verständlich gemacht werden (die Präsentation von Rosling ist das beste Beispiel) und Untersuchungen zeigen, dass die Behaltensquote steigt, wenn Texte nicht nur gelesen, sondern auch gesehen und gehört werden.
Die Planung von Podcasts, Videopodcasts oder Internet-Konferenzen ist jedoch nicht (nur) die Aufgabe der Presseabteilung, sondern der Direktorenebene. Denn die genannten Maßnahmen sind nicht Teil der Medienstrategie einer Denkfabrik, sondern Teil des Vertriebs. Eine kohärente Internet-Strategie für Denkfabriken ist jedoch selten. Neue, interaktive Internettechnologien machen aus dem Webauftritt von Think Tanks weit mehr als eine digitale Visitenkarte: sie dienen der Organisation von Wissen, der Kreation neuer Inhalte, der Bindung von Anspruchsgruppen und Kunden an das eigene Haus und eben auch dem Vertrieb.
Der Aufstieg der “kreative Klasse”, den Florida beschreibt, ist auch ein Aufstieg der Wissenschaftler und Querdenker in Denkfabriken und Think Tanks.
January 19th, 2008
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