ATTAC ruft zum Boykott der Bertelsmann Stiftung auf

Nachrichten — Von Daniel Florian am October 29, 2007 um 17:14 pm

Die globalisierungskritische NGO Attac veranstaltete am vergangenen Samstag eine Konferenz gegen die als “Schattenkabinett aus Gütersloh” bezeichnete Bertelsmann Stiftung (der Think Tank Alert berichtete).

Laut der Zeitung junge welt habe auf dem Kongress “Aufbruchstimmung” geherrscht, berichtet das Blatt:

Mehr als 200 Diskutanten einigten sich auf drei Forderungen gegen den Konzern. Erstens: Der Bertelsmann-Stiftung ist ihre Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Zweitens: Parteinahe politische Stiftungen, Gewerkschafter und Verbände werden aufgefordert, die Kooperation mit der Bertelsmann-Stiftung zu beenden. Drittens: Die Hochschulrektorenkonferenz, Hochschulen, universitäre Einrichtungen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sollen ihre Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung sowie den mit ihr assoziierten Einrichtungen und Forschungsprojekten (zum Beispiel Centrum für Hochschulentwicklung, Centrum für angewandte Politikforschung, Centrum für Krankenhausmanagement) einstellen.

Bleibt die Frage, ob die Forderungen tatsächlich nicht nur Forderungen bleiben. ATTAC, Die Linke und die an der Konferenz teilnehmenden Gewerkschaften versprachen, die Ergebnisse der Konferenz auch in ihre Organisationen einzuspeisen. Stefan Roski vom Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi) konstatierte laut junge Welt, beim Konzern sei “eine gewisse Nervosität” ausgebrochen. Der Anti-Bertelsmann-Protest solle nun in die Intellektuellen- und Künstlerszene hineingetragen werden, damit “diese Leute künftig dort nicht mehr zum Besuch antreten”.

Von der angeblich beobachteten “Nervosität” ist jedoch noch nicht viel zu beobachten. Weder gab sich die Bertelsmann Stiftung aufgrund der Tagung besonders aufgeregt, noch hat diese Kritik in der Vergangenheit viel bewirkt. Zu klein ist die Gruppe der Kritiker und zu offensichtlich die ideologische Perspektive von ATTAC und Co.

    2 Comments

  • Sie werden nachvollziehen können, dass ich ihre Interpretation nicht teile. “Nervosität” bei Bertelsmann besteht in zweierlei Hinsicht: Einmal gibt es – in der Elite durchaus üblich – auch bei Bertelsmann Fraktionskämpfe. Kernfrage: “Wie soll der Konzern künftig ‘aufgestellt’ werden?” Dann sollten sie die Breitenwirkung von Attac nicht unterschätzen. Die zivilgesellschaftlichen ‘Türöffner’ der Bertelsmann Stiftung werden sich künftig zweimal überlegen, ob sie sich noch weiter dafür hergeben, die ihnen von der Stiftung (und dem Konzern!) zugedachte Rolle zu spielen. Boykottieren diese Akteure Bertelsmann, bleibt – allgemeinhin sichtbar – das stehen, was die Stiftung tatsächlich kennzeichnet: nämlich eine von Steuergeld begünstgte Lobby-Organisation zu sein, die dem hinter ihr stehenden Kapital den Weg bahnt, um immer weitere gesellschaftliche Bereiche demokratischer Kontrolle zu entziehen.

  • In einer Hinsich gebe ich Ihnen Recht: die Vorbehalte gegenüber der Stiftung haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, dass der Protest gegen die Stiftung nicht mehr einfach “ausgesessen” werden kann, deswegen schreibe ich in diesem Blog ja auch darüber. Bislang hatte die Bertelsmann Stiftung jedoch keine Anstalten gemacht, auf ihre Kritiker zu reagieren, deswegen sehe ich eben auch keine “Nervosität” in Gütersloh. Ich vermute, dass die Stiftung derzeit prüft, wie sie dieser Kritik entgegentreten soll.

    Auch in einem zweiten Punkt gebe ich Ihnen Recht: die Probleme der Bertelsmann Stiftung scheinen mir in erster Linie hausgemacht, sieht man sich etwa die internen Querelen beim Rücktritt Mefferts oder die kürzliche „Spesen-Affäre“ um Werner Weidenfeld an.

    Die Fundamentalkritik von ATTAC teile ich jedoch nicht. Die Bertelsmann Stiftung ist kein verlängerter Arm der Bertelsmann AG. Selbstverständlich teilen beide Organisationen dieselben Werte: die Stiftung ist als Unternehmensstiftung den Werten des Gründers Reinhard Mohn verpflichtet. Eine Strategie, gleichsam die ganze Nation auf „Bertelsmann-Linie“ zu bringen, gibt es dennoch nicht. Und auch dass die Bertelsmann Stiftung für “Wettbewerb , Ökonomisierung und Privatisierung” stehe, ist kein Sündenfall der Politikberatung. Schließlich sind kostengünstige und effiziente Sozialsysteme ein legitimes Ziel der Verwaltung.

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