Beauty-Contest der Wirtschaftsforscher
“Ein bisschen wie bei ‘Deutschland sucht den Superstar’” sei das neue Ausschreibungsverfahren, mit dem sich die Wirtschaftsforschungsinstitute neuerdings für den lukrativen Auftrag für die Konjunkturgutachten bewerben müssen, findet die Wirtschaftswoche (18/2007). Insgesamt 1,3 Millionen Euro gibt die Bundesregierung für die Gutachten aus, der Auftrag soll gilt für die nächsten drei Jahre. Deswegen ist es für die Institute wichtig, den Auftrag zu sichern:
Wer jetzt nicht zum Zuge kommt, auf den wartet eine längere finanzielle Durststrecke. (…) Versiegt dieser Geldstrom, müssten die Forscher entlassen oder mit anderen Aufgaben betraut werden, die Kompetenzen in der Konjunkturforschung gingen verloren, die Chancen auf eine erneute Beteiligung in drei Jahren tendierte gegen null.
Auch sonst ändert sich einiges bei den traditionellen Gutachten: Erstmals soll auch ein Vertreter des Ministeriums “in beratender Funktion” an den Sitzungen der Konjunkturbeobachter teilnehmen, nach dem Vorbild des Arbeitskreises Steuerschätzung. Zusätzlich soll auch ausländischen Instituten die Mitarbeit an den Guthaben erlaubt werden.
Einige der sechs Wirtschaftsforschungsinstitute haben sich für die Bewerbung zusammengeschlossen. Nach Informationen der Wirtschaftswoche haben sich das ifo Institut und die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich zusammengetan, das DIW arbeitet mit dem ZEW zusammen. Das IWH hat sich mit dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung und dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) gleich zwei Partner gesucht.
Die privaten Institute wie das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung oder das IW Köln könnten demnach die Gewinner des neuen Ausschreibungsverfahrens sein. Die traditionellen Wirtschaftsforschungsinstitute sprechen den advokatischen Instituten die nötige wissenschaftliche Unabhängigkeit ab. Diese wiederum verweisen auf ihre Wissenschaftler: Der Direktor des Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung etwa hat bis 2004 die Konjunkturabteilung des DIW geleitet.
June 9th, 2007
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1. Nico Koppo | June 11th, 2007 at 21:08 pm
Beim Kampf um mediale Aufmerksamkeit greifen sozialwissenschaftlich Interessierte schnell und, wie sich meist erst später herausstellt, zuweilen auch etwas unbedacht zu Termini wie Wandel, Veränderung oder Transformation. Angesichts der derzeit auf dem Feld der wirtschaftswisenschaftlichen Politikberatung zu beobachtenden Entwicklungen scheint der Gebrauch dieser Bezeichnungen jedoch gerechtfertigt. Allerdings muss davor gewarnt werden, aus den derzeit verfügbaren Informationen vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Zwar ist es richtig, dass die jährlich veranschlagten 1,3 Millionen Euro eine beträchtliche Summe sind, diese wurde jedoch auch im Rahmen der bisherigen GD (Gemeinschaftsdiagnose) unter den BIS ENDE 2006 beteiligten SECHS Instituten aufgeteilt. In den Medien wurde diese Einrichtungen oft als “führend” bezeichnet, es handelt(e) sich um DIW, IfW, Ifo, RWI, IWH und HWWA. Das HWWA ist seit Ende 2006 aufgelöst, das Nachfolgeinstitut HWWI verfügt über beträchtlich weniger Mitarbeiter und einen weitaus geringeren Etat und nimmt nicht an der Auschreibung teil. Ob von diesem Auftrag angesichts der pro Institut zu erwartenden 300 000 € in kurzer Sicht tatsächlich ganze Abteilungen der Wifo-Institute bedroht sind, darf bezweifelt werden. Der Auftrag der Bundesregierung soll an VIER Institute gehen, wobei die Bildung der oben angesprochenen Konsortien zulässig ist. Besondere Aufnerksamkeit verdient neben der Teilnahme internationaler Bewerber die Bewerbung des ZEW sowie die gleichberechtigte Auschreibungsteilnahme von IMK und IW. Letztlich verschwimmen die Grenzen zwischen traditioneller Wirtschaftsforschung und advokatischen Instituten, von weiteren strukturellen Folgewirkungen im Verhältnis zw. Wisenschaft und Politik ist daher auszugehen (vgl. zur Thematik auch meinen Kommentar in der Diskussion um Benedikt Langs Netzwerkanalyse).
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