Herfried Münkler: Gespräch statt Gutachten

Herfried Münkler
Einflüsterer der Politik: Der Politikwissen-
schaftler Herfried Münkler

Die Zeit nannte ihn den “Ein-Mann-Think-Tank”, sein Buch über “Die neuen Kriege” ist ein Bestseller: Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler ist einer der bekanntesten Politikberater Deutschlands. Sein Geheimrezept: lange Gespräche statt dicker Studien.

Dabei hat sich Münkler nicht darum gerissen, der Einflüsterer der Mächtigen zu werden, wie der Spiegel Online in einem gestern erschienenem Artikel schreibt:

Er öffnete 2002 mit seinem Buch nur einigen Politikern und Militärs die Augen, indem er ihnen erklärte, warum die Zeit der alten Kriege zwischen politischen Blöcken vorbei ist. Denn seit dem 11. September 2001 war klar geworden, dass das archaische Feindbild woanders zu suchen ist, nämlich im Untergrund. Ungleiche Gegner stehen sich seither an unsichtbaren Fronten gegenüber. Das Verhältnis zwischen ihnen ist asymmetrisch geworden. Sie befinden sich nicht mehr auf Augenhöhe. Und das macht den Politikern Angst.

Die Zeit war also reif für einen Wissenschaftler, der die neuen Konflikte zu deuten weiß. Hier war wohlgemerkt kein mit Detailwissen ausgestatteter Spezialist gefragt, sondern jemand, der das Neue in verständlichen Worten erklären kann und damit Orientierung bieten kann. Jemand wie Münkler also, der mit Begriffen wie den “neuen Imperien” und der “Privatisierung des Krieges” Schlagworte für die Debatte fand und die Politik aus der erschütterten Sprachlosigkeit der “post 9/11″-Zeit führte.

Wen Münkler in sein Büro einlädt, der fühlt sich in einen “Debattierzirkel” versetzt, so die Zeit. Münkler ist ein Mann der Worte und niemand, der dicke Gutachten schreibt: “Ich liebe lange Gespräche, aber Aufträge für Gutachten würde ich nicht annehmen”, sagt er. Statt dessen schreibt er lieber einen pointierten Gastartikel in einer Zeitung - und kann sich dabei sicher sein, dass dieser auch auf dem Schreibtisch des Ministers landet.

Auf diese Weise ist Münkler mittlerweile zu einer besonderen Spezies unter den Politikberatern geworden. Er schleicht sich mit seinen Erkenntnissen und Einschätzungen über die Schreibtische und Ohrensessel der Politiker in deren Köpfe. Das macht er offenbar sehr überzeugend. Politiker suchen im innen- und außenpolitischen Geschäft ständig nach Handlungsstrategien. Doch hängen sie meist in den Stricken des diplomatisch Machbaren fest und sehen das politisch Mögliche nicht. Münkler schiebt ihnen genau in dieser vertrackten Situation einen Zettel unter der Tür durch, auf dem steht: “Schon mal so herum gedacht?” Und prompt hat er einen Termin zum Gespräch.

Trotz seiner Popularität fällt bei Münkler auf, dass er - anders als manche Kollegen - dennoch nicht dauerpräsent ist. Hat er gerade ein neues Buch geschrieben, stellt er es auch in Talk-Runden und Interviews vor, aber er nimmt sich dazwischen auch die Zeit, über neue Themen nachzudenken und zieht sich dafür zurück. Er weiß: “Wenn man zu viel kommentiert, glotzt man zu sehr auf die Dinge, sodass man nur noch die Buchstaben, aber nicht mehr die Schrift erkennt.” Und so fügt sich Münkler nicht in die Reihe derjenigen Wissenschaftler ein, die immer einen Platz in den Talkshows reserviert haben. Und man weiß: Wenn Münkler auftritt, sollte man aufpassen. Der Mann hat was zu sagen.

March 24th, 2007

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