Gratwanderung: Politikwissenschaft und wissenschaftliche Politikberatung

Johannes Varwick
Gratwanderung: Johannes Varwick lehrt Politik in Kiel und arbeitet zugleich als Politikberater (Foto: Privat).

Mit der wissenschaftlichen Politikberatung ist es so eine Sache: Einerseits sind Politikwissenschaftler bei Parlamentariern und Beamten als realitätsferne Theoretiker verschrien (siehe “Im Elfenbeinturm: Das ‘Foreign Policy’ Magazin veröffentlicht zweite Umfrag unter Politik-Professoren“), andererseits scheuen auch Wissenschaftler oft die Nähe zur Politik — aus Angst vor einem Karriereknick, so Jörg Schallenberg in der Berliner Hochschulzeitschrift duz.

Für Johannes Varwick, Politikberater und Politikprofessor an der Uni Kiel, sind Wissenschaftler in der Beratung die große Ausnahme:

Zwischen der Handlungsorientierung der Politik und der Erkenntnisorientierung der Wissenschaft tut sich ein sehr breiter Graben auf, den viele Politikwissenschaftler nicht üerspringen wollen. Zumindest im Bereich Außenpolitik, in dem ich arbeite, gelten diejenigen, die politiknah arbeiten, bei den Kollegen schnell als nicht wissenschaftlich.

Während viele sogenannte Politikberater oft nicht mehr PR-Berater seien, die Flyer drucken und Kontakte vermitteln, bekommen Think Tanks gute Noten von Dr. Peter Weingart, der für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) eine Arbeitsgruppe zum Thema Politikberatung leitet. Sie seien

regelrechte Forschungsfabriken, auch wenn sie in der Regel keine tief greifende Forschung machen, sondern eher Ergebnisse und Analysen für den schnellen Gebrauch liefern. Sie machen angemessene und schnelle Forschung, schneller als die Universitäten.

Einen Mangel an Politikberatung sehen Varwick und Weingart nicht, eher eine Unübersichtlichkeit des Angebots und — vor allen Dingen — eine Unsicherheit über die Verwendung der Ergebnisse wissenschaftlicher Beratung. Weingart fordert deswegen:

Wir müssen uns darauf verständigen, was mit den Ergebnissen von Beratung geschieht. Es gibt in Deutschland einen einzigen Fall, in dem das festgelegt ist, nämlich bei den Gutachten der fünf Wirtschaftsweisen. Die Regierung muss dazu Stellung nehmen. Dieses Prinzip sollte Schule machen. So könnte verhindert werden, dass Gutachten in der Schublade verschwinden.

Dazu erarbeitet die BBAW derzeit Leitlinien für wissenschaftliche Politikberatung, die im Herbst 2007 erscheinen sollen. Beide — Varwick und Weingart — plädieren darüber hinaus für einen stärkeren Austausch zwischen Politik und Wissenschaft, etwa durch Personalrotation. Wer auch einmal in der Verwaltung gearbeitet hat, so das Plädoyer, kann auch bessere Beratung leisten.

Was für Hochschulen noch selten ist, ist für die Wirtschaft bereits Alltag: Das Politmagazin “Monitor” berichtete kürzlich über von Unternehmen bezahlte Mitarbeiter in Bundesministerien. Warum sollte ähnliches nicht auch für Hochschulen und Denkfabriken möglich sein?

Der volle Artikel ist auf der Webseite von duz nachzulesen.

March 12th, 2007

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