Was ist Politikberatung?
Der schillernde Begriff “Politikberatung” wird oft als Veredelung des eigenen Berufs gesehen – und sorgt dafür, dass heute unklarer denn je ist, wer eigentlich ein Politikberater ist und wer ein Lobbyist, Spin-Doctor oder Unternehmensberater. Diese begriffliche Unklarheit liegt auch an der Unschärfe des Politikbegriffs im Deutschen. Im angloamerikanischen Raum ist eine Abgrenzung der verschiedenen Formen von Politikberatung einfacher, da es auch einen differenzierten Politikbegriff gibt. Briten und Amerikaner unterscheiden zwischen policy, dem Politikinhalt bzw. politischen Programm, politics, der Durchsetzung politischer Interessen im Gesetzgebungsprozess oder in Wahlkampagnen und polity, der institutionellen “Architektur” von Politik, die sowohl Verfassungsgrundsätze umfasst als auch politische Institutionen.
Dementsprechen ist auch die Politikberatung differenziert: policy advisors betreiben wissenschaftliche Politikberatung, erstellen Studien und liefern so die Daten, auf deren Grundlage politische Debatten entstehen (siehe dazu auch meine Arbeit “A new statecraft? Or: Do professionals replace civil servants as policy advisors?” (PDF)). Political consultants entwerfen als Spin-Doctoren Wahlkampagnen und organisieren als Lobbyisten oder PR-Berater politische Mehrheiten. Die dritte Beratergruppe, die analog polity consultants genannt werden könnte, ist eigentlich nicht definiert, denn die politische Verfasstheit eines Staates, die den polity-Begriff umschreibt, ist in der Regel äußerst stabil und lässt sich nicht ändern oder beeinflussen. Dennoch könnte man – fasst man den polity-Begriff weiter – etwa Unternehmensberater unter diesen Begriff einorden. Definiert man Verwaltungen und Behörden als die materielle Ausformung politischer Institutionen, so wird die Re-Organisation derselben das Fachgebiet des polity consultants. Auch juristische Politikberatung wäre wohl am ehesten in diesem Bereich anzuordnen.
Diese Differenzierung des Politikberatungsbegriffs ist eine notwendige Vorraussetzung für die Professionalisierung der Branche. Die Kunden müssen eindeutig wissen, an welche Berater sie sich wenden müssen, um eine bestimmte Leistung zu bekommen. Und auch auf Beraterseite dient eine klare Definition des Angebotsspektrums der Qualitätssicherung. Politikberater ist eben nicht gleich Politikberater.
Der Frage “Was ist eigentlich Politikberatung?” widmet sich auch die Bachelorarbeit von Henning Kettner (Universität Passau). Insbesondere nähert sich Kettner dabei den Politikberatungsagenturen “im engeren Sinne”, die auf einer kommerziellen Basis policy advice entwickeln. Der Übergang zu Public Affairs und Lobbying ist dabei häufig fließend, was eine abschließende Definition oft schwierig macht. Kettner schlägt deswegen ebenfalls vor, Politikberatung anhand des angebotenene Leistungsspektrums zu differenzierend und Politikberatung dabei möglichst eng zu definieren.
Download (PDF): Florian, Daniel (2005): A new statecraft? Or: Do professionals replace civil servants as policy advisors?
December 17th, 2006
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